Für Kämpfertypen
Jonas Klein im Training mit einer Athletin (c) Mika Volkmann

Landes-Trainer Jonas Klein: „Vor jedem Start war ich ultranervös“

Jonas Klein ist 23 Jahre alt, kommt aus einem Dorf mit 350 Einwohner*innen und studiert den Master-Studiengang „Leistung, Training und Coaching im Spitzensport“ an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seit einem halben Jahr arbeitet er als Landes- und Vereinstrainer beim TSV Bayer 04 Leverkusen und betreut dort den Leichtathletiknachwuchs im Parasport und spricht darüber, wie er seine eigenen sportlichen Ambitionen mit dem Trainerdasein, dem Studium und dem Job kombiniert.


Jonas Klein in Aktion (c) Mika Volkmann
Eigenes Training, Coaching, Job als Hilfskraft, Freundin, Lehrgänge und Wettkämpfe. Wie machst du das alles?

Bevor ich den Job als Landestrainer in Leverkusen angenommen habe, war ich etwas skeptisch, ob ich das alles unter einen Hut kriege, aber das Tolle ist, dass die verschiedenen Tätigkeiten so gut ineinandergreifen. Ich kann die Theorie aus dem Studium und das wissenschaftliche Arbeiten am Institut mit in meinen eigenen Sport und auf das Training meiner Athlet*innen übertragen.

Hast du schon immer den Plan gehabt, Trainer zu werden?

Nee, eigentlich nicht. Durch meinen Sport, ich bin auch Leichtathlet, habe ich mich dafür interessiert und es war klar, dass ich das auf jeden Fall ausprobieren möchte. Als Windsurflehrer in der Schule habe ich gemerkt, dass mir das Unterrichten viel Spaß macht, Personen etwas Neues beizubringen und Bewegung zu vermitteln. Mir ist es wichtig, nicht nur das theoretische Wissen im Studium anzusammeln, sondern das auch in die Praxis umzusetzen. Dieser Zeitpunkt war dann nach dem Bachelor da. Dass ich allerdings so früh im Parasport lande, war nicht abzusehen.

Wie kam es denn dazu?

Als ich zum Studium an die Spoho kam, bin ich nach Leverkusen gezogen, um dort selbst beim TSV Bayer 04 zu trainieren. Dort gibt es die größte, professionellste und auch erfolgreichste Parasportabteilung in Deutschland, Parasport ist allgegenwärtig. Ich habe dann ab und an mit den Parasprintern zusammen trainiert, Starts gegeneinander oder Tempoläufe. Im Rahmen des Diversity-Seminars im Studium haben wir Para-Athleten interviewt und dadurch echte Einblicke in den Parasport bekommen. Tja, und dann war die Stelle als Landestrainer am Stützpunkt Leverkusen ausgeschrieben und es hat gepasst.

Jonas Klein (c) Mika Volkmann
Du trainierst Athlet*innen mit Behinderung. Wie setzt sich deine Gruppe zusammen?

Das ist komplett bunt gemischt. Ich habe eine Athletin mit Autismus, mehrere mit einer Hemiparese, also einer Halbseitenlähmung, und Athleten mit Unterschenkelund Oberschenkelprothesen. Die meisten sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, eine Athletin 22. Demnächst werde ich noch drei sehr talentierte Zehnjährige im Talentteam trainieren.

Welche Disziplinen trainierst du?

Im Fokus stehen die Sprintdisziplinen und damit die Schnelligkeitsentwicklung. Beim Parasport muss man schauen, in welcher Startklasse welche Disziplin angeboten werden. Meine Athletin mit Autismus etwa läuft gerne Mittelstrecke, 800 oder 1.500 Meter, die 800 sind aber nicht paralympisch, dafür die 400. Daher haben wir zuletzt sprintorientiert trainiert, um sie für die 400 Meter zu wappnen. Einige Jungs machen auch Weitsprung.

Welche Bilanz ziehst du nach den ersten Wettkämpfen?

Die Deutschen Hallenmeisterschaften sind sehr erfolgreich gelaufen, es gab viele persönliche Bestleistungen. Wir hatten fünf Starter*innen und haben sechs Medaillen geholt und dazu noch zwei deutsche Rekorde. Aus meiner Sicht hätte es nicht besser laufen können.

Wie hast du das Coaching während der Meisterschaften erlebt?

Das Verrückte war, dass ich mega aufgeregt war. Wenn ich selbst am Start bin, bin ich normalerweise sehr entspannt; jetzt war ich vor jedem Start ultranervös. Als meine Athletin deutschen Rekord gelaufen ist, hat mich das total gerührt. Ein krasser Moment, weil ich da gemerkt habe, was das Besondere am Trainerdasein ist und dass man viel zurückbekommt.

Gibt es aus deiner Sicht Unterschiede beim Training von Athlet*innen mit und ohne Behinderung?

Die Para-Athlet*innen brauchen sehr viel individuelle Förderung. Das gemeinsame Gruppentraining, wie ich es von mir kenne, funktioniert im Parasport nur bedingt, daher machen wir oft Einzeltraining, um sehr fokussiert an Dingen arbeiten zu können. Die Unterschiede zwischen den Athlet*innen sind aufgrund ihrer Handicaps und Startklassen viel größer als etwa bei Sprintern ohne Behinderung. Man muss also viel individueller auf die einzelne Person schauen.

Welche Prinzipien sind dir im Umgang mit den Sportler*innen wichtig?

Als Athlet bin ich sehr strukturiert, mein aktueller Trainer eher entspannt und locker. Ich denke: Die Mischung macht‘s. Viele meiner Athlet*innen sind nur ein paar Jahre jünger als ich, daher haben wir ein freundschaftliches Verhältnis. Wichtig ist mir als Trainer ein offener Umgang und dass man über alles reden kann.

Was ist für dich das Besondere an der Arbeit mit jungen Sportler*innen?

Besonders fasziniert mich, neben der Leistungsverbesserung, dass die Athlet*innen sich auch persönlich weiterentwickeln und viel aus dem Training mitnehmen, durch Erfolgserlebnisse auch Selbstvertrauen aufbauen. Einer meiner Athleten mit einer Hemiparese erzählte mir kürzlich stolz, dass er im Schulsport im Sprint schneller war als seine Klassenkameraden. Das war für ihn ein sehr cooler Moment.

Welche sportlichen Ziele verfolgt Ihr gemeinsam?

Der Anspruch des Landeskaders ist, auf nationaler Ebene mitzumischen und Athlet*innen langsam an internationale Wettkämpfe heranzuführen. Daher ist klar, dass wir leistungsorientiert trainieren und der Wettkampfgedanke zählt. Alle Athlet*innen sind ehrgeizig und werden durch Erfolge wie zuletzt bei den Deutschen Meisterschaften motiviert, die nächsten Schritte zu gehen. Aber der Schritt aufs internationale Parkett ist natürlich enorm und dort auch noch erfolgreich zu sein, umso schwieriger.

Neben der Leichtathletik schlägt dein Herz fürs Windsurfen. Wie häufig und wo kommst du dazu?

Ich wollte schon Windsurfen, da konnte ich noch gar nicht schwimmen. Seitdem sind wir mit der Familie immer auf die Nordseeinsel Föhr gefahren oder irgendwo ans Meer. Leider stehe ich aktuell sehr selten auf dem Surfbrett.

Du kommst aus Saalstadt in Rheinland-Pfalz. Was fällt dir als erstes ein, wenn du an deine Heimat denkst?

Leckerer Kuchen! Denn wir haben tatsächlich den weltbesten Bäcker in unserem kleinen Dorf mit nur 350 Einwohner*innen. Für den Streuselkuchen kommen sogar Leute von weit her zu uns.

Wie fühlst du dich im Rheinland?

Aktuell finde ich es schon cool, in einer größeren Stadt zu leben; hier in Köln gehe ich vor die Tür und bin direkt mitten drin im Leben. Das Lebensgefühl in Köln empfinde ich schon als besonders, viele sind sehr offen und freundlich; die Mentalität ist einzigartig.

Interview: Julia Neuburg. Das Interview erschien zuerst im KURIER, der Hochschulzeitung der Deutschen Sporthochschule Köln, 1-2022.


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