Deutsche Rekorde für Moos und Petersen beim Rehm-Comeback
Ein Europarekord, ein Asienrekord, vier deutsche Rekorde: Das siebte Para Leichtathletik Heimspiel des TSV Bayer 04 Leverkusen war bei der letzten Austragung vor der Renovierung des Manforter Stadions wieder ein echter Garant für Bestleistungen.
Neuneinhalb Stunden Para Leichtathletik vom Feinsten war am Samstag in Leverkusen geboten. Bereits um 10.30 Uhr machten die Kids den Auftakt, um kurz vor 20 Uhr sprang Weitsprung-Weltrekordhalter Markus Rehm ein letztes Mal in die eigens für ihn verlängerte Sandgrube auf der Fritz-Jacobi-Anlage. „Es war das beste Heimspiel“, schwärmte TSV-Parasport-Geschäftsführer Jörg Frischmann: „Wir haben mit den LED-Banden neue Qualität reingebracht, wir hatten einen super Livestream, der bis in die USA geguckt wurde. Und das ganz Entscheidende: Wir hatten zig Bestleistungen, ich weiß gar nicht, wie viele es am Ende waren. Das ist das Para Leichtathletik Heimspiel, wir machen das, um den Athletinnen und Athleten optimale Bedingungen zu geben und das haben wir geschafft.“
Aus heimischer Sicht setzte Lise Petersen das erste Ausrufezeichen: Die 21-jährige Para Speerwerferin steigerte direkt zu Beginn ihre Bestmarke auf 38,85 Meter und warf im letzten Versuch 39,55 Meter – deutscher Rekord! Und das, obwohl Petersen nach langen Schulter-Problemen erst zu den Deutschen Meisterschaften vor drei Wochen in den Wettkampf zurückgekehrt war. „Das fühlt sich richtig gut an“, sagt die jüngste Athletin der Paralympics 2021 in Tokio: „Ich wusste, dass ich gut drauf bin, aber heute konnte ich es zeigen. Wir haben es umgestellt, dass ich jetzt mit Prothese werfe. Ich konnte schmerzfrei werfen, obwohl ich das den ganzen Sommer nicht konnte. Jetzt hat es zum besten Wettkampf im Jahr gepasst, dass ich Bestleistung und deutschen Rekord werfen konnte.“
Ihrer Vereinskollegin Nele Moos gelang dieses Kunststück ebenfalls: Moos war über 100 Meter schon im Vor- und Endlauf mit 13,37 und 13,31 Sekunden jeweils zur Bestzeit gesprintet, kurz darauf stand der Weitsprung-Wettbewerb an. „Ich bin eigentlich direkt rüber gestapft und war echt gut platt. Dann habe ich meine Familie und Freunde in der untersten Reihe gesehen, das hat mir ein sicheres Gefühl gegeben.“ Mit zwei 5-Meter-Sprüngen fand sie gut in den Wettbewerb, im vierten und fünften Versuch sprang die Paris-Silbermedaillengewinnerin mit 5,19 Metern dann zum deutschen Rekord – einmal mit Gegenwind und das nach langer Verletzungspause: „Es ist eine tolle Serie, die ich da in den Sand gezimmert habe. Das war unglaublich, kein Sprung unter fünf Metern. Das ist ein toller Abschluss meiner Weitsprung-Wettkämpfe in diesem Jahr. Wenn man sich überlegt, dass ich letztes Jahr hier den Livestream kommentiert habe, weil ich verletzt war, ist das ein unfassbar schönes Comeback und ich habe es sehr genossen, im heimischen Stadion springen und laufen zu dürfen.“
Rückkehr war auch die Überschrift für Markus Rehm: Im Januar hatte sich der Weitsprung-Weltrekordhalter die Syndesmose im Sprunggelenk gerissen, seither hatte er an seinem Comeback gearbeitet – unter neuem Trainer in Amsterdam, seine langjährige Wegbegleiterin Steffi Nerius war beim Heimspiel verabschiedet worden. Mit 8,19 Metern war der fünfmalige Paralympicssieger „sehr“ zufrieden: „Das war mein erster Wettkampf nach langer Zeit, das erste Mal aus dem langen Anlauf, das haben wir im Training nicht einmal versucht. Dafür war es super, darauf kann man aufbauen. Und jetzt geht es hoffentlich nur noch weiter.“ Ein ganzer Fanclub hatte sich auf der Tribüne in „Bladejumper“-Shirts eingefunden, auf denen Rehms Erfolge aufgelistet waren: „Davon wusste ich gar nichts, ich wusste nur, dass mein Kumpel kommt. Aber dass die ganze Truppe am Start ist, habe ich erst hier erfahren. Es ist immer schön mit denen und ich freue mich, nach einem erfolgreichen ersten Wettkampf auf den Erfolg anzustoßen.“
Auch sonst bot die Bahn im Manforter Stadion etliche Bestleistungen: Der Niederländer Joel de Jong sprintete über 100 Meter in 11,99 Sekunden zum Europarekord, die Japanerin Erina Yuguchi kam mit 4,36 Metern zum Asienrekord im Weitsprung und das Leverkusener Nachwuchstalent Leandro Calado Simoes rannte 11,64 Sekunden über 100 Meter sowie mit 24,59 Sekunden über 200 Meter zum deutschen Rekord. Bestleistungen gab es zudem en masse für den TSV-Nachwuchs: Für Clara Bardohl über 100 und 200 Meter, für Kugelstoßer Maxi Rogge, für Elias Tönnes im Hochsprung, für Finn Ackfeld und Alexander Nobis über 200 Meter und für Simon Riehm und Maximilian Groß über 100 Meter.
Herausragende Leistungen aus dem olympischen Bereich zeigte im inklusiven Wettbewerb TSV-Weitspringerin Imke Daalmann, die mit 6,56 Metern bereit ist für die Deutsche Meisterschaft am kommenden Wochenende und die Niederländerin Anna Roelofs, die mit 11,67 Sekunden zu einer persönlichen Bestzeit sprintete. Die 100 Meter entschied der Ex-Leverkusener Tokio-Paralympicssieger Felix Streng mit zwei Mal 10,81 Sekunden für sich, Weltrekordhalter Niko Kappel kam im Kugelstoßen auf starke 14,27 Meter, die 7,41 Meter von Weltrekordhalter Joel de Jong im Weitsprung waren international ähnlich beeindruckend wie die 48,33 Sekunden über 400 Meter von seinem niederländischen Landsmann Olivier Hendriks. Léon Schäfer schloss das Heimspiel mit 12,48 Sekunden über 100 Meter und 6,73 Meter im Weitsprung ab.
Bei den Frauen glänzte die Schweizerin Elena Kratter im TSV-Trikot mit 5,27 Metern im Weitsprung, die Italienerin Ambra Sabatini folgte ihr in 5,18 Metern mit Bestweite, die Bayer-Japanerin Tomomi Tozawa kam in Vorbereitung auf die Asienspiele auf 4,65 Meter, auch die 12,53 und 25,86 Sekunden von Lokalmatadorin Jule Roß über 100 und 200 Meter waren stark. Kim Vaske stieß die Kugel auf 10,40 Meter, die niederländische Weltrekordhalterin Lara Baars auf 8,65 Meter, ihre Landsfrau Kiki Hendriks kam auf 12,97 Sekunden über 100 Meter und 5,27 Meter im Weitsprung. Groß war der Jubel auch bei der zweimaligen Paralympicssiegerin im Rollstuhlfechten, Bebe Vio aus Italien, die sich jetzt in der Para Leichtathletik austestet und mit 13,97 Sekunden erstmals unter 14 Sekunden über 100 Meter blieb. „Hier ist alles voll mit Athletinnen und Athleten, viele habe ich bisher immer im TV gesehen. Jetzt mit ihnen zu rennen, ist einfach verrückt“, sagt die italienische Parasport-Ikone über ihr erstes Para Leichtathletik Heimspiel.
Ob es im nächsten Jahr auch das achte Para Leichtathletik Heimspiel gibt, ist weiterhin unklar. Das Manforter Stadion wird modernisiert, die Bahn komplett erneuert, zudem ist die Para Leichtathletik-WM in Usbekistan schon Mitte Juni, mögliche Normen können also bis April 2027 erfüllt werden. „Das sind alles Herausforderungen für uns, die wir im Blick behalten müssen“, sagt Parasport-Geschäftsführer Jörg Frischmann: „Wir werden auf jeden Fall alles dafür geben, unser Para Leichtathletik Heimspiel auch in dieser Saison in den kommenden Jahren beizubehalten oder sogar noch besser zu machen.“