Für Zielstrebige

Leverkusener Degenherren an der Spitze Europas

Vizemeister-Titel für den TSV in der 'Champion's League' der Fechter


Es ist so etwas wie die Champions League im Degenfechten: Der traditionell Anfang Januar im Anschluss an den internationalen Weltcup in Heidenheim ausgetragene Mannschaftswettbewerb Coupe d’Europe. Hier darf nur starten, wer als Verein in seinem Land den Titel des nationalen Mannschaftsmeisters trägt. Und wer hier ganz vorne mitficht, kann sich rühmen, zu den besten Degenvereinen in ganz Europa zu gehören. Genau dies darf der TSV Bayer 04 Leverkusen im Jahr 2020 ganz offiziell für sich beanspruchen, nachdem sich dessen Herrendegenauswahl am vergangenen Sonntag bis ins Finale des hochkarätigen Wettbewerbs focht. Nach der unglücklich verpassten Qualifikation für den Coupe d’Europe 2019 startet der Verein aus Leverkusen so mit einem mehr als gelungenen „Comeback“ in die neue Dekade.

Und die Mannschaft, bestehend aus Lukas Bellmann, Marco Brinkmann, Fabian Herzberg und Neu-Leverkusener Tobias Weckerle, hatte nun wahrlich keinen einfachen Weg ins letzte Duell der diesjährigen ‚Champions League der Fechter‘: Nach einer durchwachsenen Vorrunde mit einem ungefährdeten Sieg gegen Tábor-Ljubljana aus Slowenien und einer Niederlage gegen den französischen Top-Club Saint-Gratien, für den u.a. der amtierende Juniorenweltmeister Arthur Philippe ficht, waren die Leverkusener nur auf Platz 9 gesetzt und trafen so in der Direktausscheidung mit dem SC Praha gleich auf einen der Halbfinalisten des Vorjahres.
„Die grundsätzlich herausfordernde Zusammenstellung des Teams aus Slowenien - interessanterweise mit Fechtern, die aus Griechenland, Brasilien und Italien kommen bzw. dort trainieren - war kein Problem für uns, doch die Franzosen waren für sich genommen schon starke Einzelfechter und als Team noch solider“, resümiert der Leverkusener Trainer Dávid Keszler im Rückblick die ersten Gefechte des Tages. „Doch wir haben aus unseren Fehlern in der Vorrunde gelernt und in der anschließenden Teambesprechung ein etwas andere taktische Herangehensweise festgelegt, die im Gefecht gegen den SC Prag, immerhin die tschechische Nationalmannschaft, gleich Früchte getragen hat.“ 

Nachdem sich Bellmann und Co ihres Gegners aus Tschechien überraschend souverän mit 45:29 entledigt hatten, wartete in der Runde der letzten Acht eine schier unbezwingbar scheinende Konkurrenz: Budapest Honved, der Verein der ungarischen Nationalmannschaft, Titelträger 2018 und 2019 und damit einer der wenigen Clubs, die den Coupe d’Europe zweimal hintereinander gewonnen hatten. Und auch dieses Jahr schien auf dem Papier alles für die Ungarn zu sprechen: Diese konnten schließlich nicht nur mit Gergely Siklósi, dem amtierenden Herrendegen- Weltmeister und frischgebackenen Gewinner des Heidenheimer Pokals 2020, in ihren Reihen auftrumpfen, sondern hatten in identischer Besetzung im Mannschaftswettbewerb des Heidenheimer Weltcups tags zuvor Gold für ihr Land geholt.
Doch es sollte anders kommen, als es Ausgangsdaten und -setzung vermuten ließen: Gleich im zweiten der neun Teilgefechte ging der TSV deutlich in Führung und lieferte sich in der Folge einen (auch das Publikum) mitreißenden, Treffer um Treffer geführten Kampf mit den Titelfavoriten. Nachdem die Ungarn zwischenzeitlich wieder einige Punkte gut gemacht hatten, kam es in den letzten Teilgefechten zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen, bevor Schlussfechter Lukas Bellmann den Gleichstand von 34:34 in das 45:41 verwandelte, das den Leverkusenern den Sieg einbrachte. Die Halle, in der sich auch viele deutsche Fechtfans befanden, tobte.
Doch auch mit diesem ebenso umjubelten wie unerwarteten Sieg stand die deutsche Mannschaft erst im Halbfinale, wo sie sich mit Saint-Gratien ausgerechnet ihrem Bezwinger aus der Vorrunde gegenüber sah. Wer nun mit dem gleichen Ausgang gerechnet hatte, sah sich abermals mit einer jener Überraschungen konfrontiert, die das Degenfechten nicht selten bereithält: Im Remake des Duells mit den Franzosen ergriff der TSV seine Chance auf eine Revanche und ließ sich die früh gewonnene Führung über den gesamten Gefechtsverlauf nicht mehr aus der Hand nehmen.
Mit dem Endstand von 45:38 war schließlich der Weg ins Finale frei gegen die italienischen Fiamme oro Roma, sportliche Heimat von drei Vierteln der aktuellen italienischen Auswahlmannschaft für die Olympischen Spiele in Tokyo 2020 und neben Budapest Honved der weitere große Favorit auf den Titelgewinn. Erst hier, im letzten Gefecht des Tages, endete dann die Siegesserie des Clubs aus dem Rheinland, der sich, lautstark angefeuert vom Publikum in der Halle (und sicher auch einigen Live-Stream-Zuschauern zuhause), dennoch wacker schlug und die Italiener im Trefferstand nie zu weit davoneilen ließ. 38 zu 44 gegen Leverkusen lautete nach einem spannenden Gefecht der Endstand, mit dem sich Fiamme Oro Roma unter der Führung von Ausnahmetalent Davide di Veroli als neuer europäischer Vereinsmeister feiern durften.

Trainer Dávid Keszler zeigt sich hochzufrieden mit dem, was seine Fechter auf die Planche gebracht hatten: „Der Sieg gegen Ungarn im Viertelfinale war wirklich eine großartige und mental wichtige Leistung. Die Bayer-Jungs haben an keinem Punkt aufgegeben, sondern vom Anfang bis zum Ende gekämpft. Auch der Sieg gegen die Franzosen, wo wir uns nach der Vorrunde sagten ‚jetzt sind wir dran‘, war ein verdienter Lohn für engagiertes und kontrolliertes Fechten. Gegen die italienische Mannschaft – die wir sehr gut kennen – haben wir alle taktischen und technischen Mittel aufgeboten, aber diesmal waren sie besser als wir.“

Und auch wenn es „nur“ der Vizemeistertitel geworden ist: Für die Leverkusener bleibt das Wissen, fechterisch mit an der Spitze Europas zu stehen… und ein klares Ziel für die Zukunft: „Es stand schon lange keine deutsche Mannschaft mehr im Finale um den Coupe d‘Europe. Wir sind sehr glücklich über den zweiten Platz, aber wir wollen mehr. Unser Bestreben: hierher zurückkommen und dieses Turnier gewinnen“, so formuliert es Trainer Keszler.

Nach dieser Leistung der Leverkusener in Heidenheim sicher eine herausfordernde, aber machbare Aufgabe für die neue Dekade.

 

Titelbild: Maximilian Rist.


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