Für Wissbegierige
Markus Rehm (c) Para Leichtathletik Förderverein / Kevin Voigt

Rehm bangte nach Protest um WM-Sieg: „Menschlich traurig“

Es sollte sein großer Abend werden – und er hatte geliefert: Markus Rehm sprang bei der Para Leichtathletik-WM in Paris mit 8,49 Metern zur Goldmedaille und sicherte sich seinen sechsten Weltmeister-Titel in Folge. Doch beinahe wäre daraus nichts geworden, weil das US-amerikanische Team wegen eines nicht-zulässigen Sprint-Spike-Schuhs von Rehm Protest eingelegt hatte – und diesen erst am Samstagmorgen zurückzog.


Die Nachricht wirkte wie ein Schock aufs deutsche Team: Markus Rehm soll das Gold aberkannt werden? Das hielten alle im großen Mannschaftsraum des Hotels nahe des Stade Charléty zunächst für einen schlechten Scherz. Doch in der Tat hatte das US-amerikanische Team, deren Athleten die Plätze zwei bis vier belegt hatten, nach Rehms Weitsprung-Sieg mit WM-Rekord von 8,49 Metern Protest eingelegt. Ihr Argument: Rehm habe einen nicht-zulässigen Sprint-Spike-Schuh im Wettkampf getragen.

„Das war eine Riesen-Überraschung, weil es ganz normale Spikes sind“, sagte Weltrekordhalter Rehm, der die Schuhe vor dem Wettkampf vom Kampfgericht im Callroom abnehmen ließ: „Es ist keine Sonderanfertigung für mich. Die sind auf dem Markt frei erhältlich. Sie sind von der Technologie her gleich. Und ich bin mein Leben lang mit Sprint-Spikes gesprungen, weil mir Sprung-Spikes einfach nicht passen.“ Die Sprint-Spikes, die explizit für Weitsprung nicht zugelassen sind, als Grund für einen Ausschluss? Für Rehms Trainerin Steffi Nerius vom TSV Bayer 04 Leverkusen „Quatsch“, zumal Rehm damit nur anläuft und nicht abspringt: „Und Markus ist der Letzte, der sich mit irgendwas einen Vorteil verschaffen will.“

Um neun Uhr morgens sollte Rehm den Schuh bei den Offiziellen abgeben und zur Anhörung erscheinen, was dazu führte, dass sich ein Großteil des deutschen Funktionsteams im Mannschaftsraum versammelte, um am Morgen eine schlüssige Argumentation zu präsentieren – bis drei Uhr nachts wurde noch gegrübelt und überlegt. „Das fand ich wirklich Wahnsinn. Ich habe schon nach dem Wettkampf gesagt: Was das Team auf die Beine stellt und leistet, ist schon cool. Wir haben so viele tolle Leute dabei, es wurde im Vorfeld alles geregelt, alles gemacht, alles getan. Diesen Zusammenhalt zu erleben, wie alle sich eingeschaltet haben, egal in welcher Position, das war einfach schön und das schweißt auch noch mehr zusammen“, sagte Rehm.

Besonders enttäuscht war Rehm, dass der Protest ausgerechnet von den USA kam. „Ich habe viel mit ihnen zu tun, habe ihnen viel geholfen. Wir waren mehrere Tage gemeinsam auf Island, ich habe Videos gesichtet, ihnen viele Infos gegeben und an der Prothese mitgearbeitet", sagte der Leverkusener: "Das dann zu hören, ist menschlich ein bisschen traurig.“ Auch Nerius ärgerte sich: „Wenn man mit einem 1,10 Meter Vorsprung gewinnt und dann so einen Protest bekommt, hat das einen bitteren Beigeschmack.“

Immerhin: Nachdem Rehm am Samstagmorgen den Schuh abgegeben hatte, kam nach halbstündiger Wartezeit die Nachricht, dass die USA im Team die Entscheidung getroffen hatte, den Protest zurückzuziehen – wohl auch auf Ansage des drittplatzierten Jarryd Wallace. „Das rechne ich ihnen sehr hoch an“, sagte Rehm: „Das kann einem Athleten echt den Abend nach dem Wettkampf versauen und für eine kurze Nacht sorgen.“ Die Party, die eigentlich am Freitagabend steigen hätte sollen, ist nun auf Samstag vertagt – denn nach der Siegerehrung, bei der Rehm mit den Emotionen kämpfte und mit Silbermedaillengewinner Derek Loccident und dem drittplatzierten Jarryd Wallace um die Wette strahlte, sagte Rehm: „Ich habe gehört, es sind gute Getränke im Kühlschrank, es wird auf jeden Fall gefeiert. Das, was wir gestern verpasst haben dank Regeln checken, das wird heute nachgeholt.“

Nun beendet Rehm, der seit geraumer Zeit mit Fußproblemen zu kämpfen hat, die Saison, um 2024 wieder weit fliegen zu können: „Bis das harte Wintertraining kommt, muss ich das im Griff haben. Wir haben große Pläne und wollen richtig angreifen, da muss der Fuß mitmachen.“


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