Fechten ist unsere Leidenschaft
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Olympiasiegerin Britta Heidemann mit Nachwuchsfechterin Katharina Bernstein.
Olympiasiegerin Britta Heidemann mit Nachwuchsfechterin Katharina Bernstein.

Fr, 05.05.2017 | Fechten

"Ich bin der Falke"

Was Nachwuchsfechterin Katharina Bernstein schon immer von Olympiasiegerin Britta Heidemann wissen wollte... Hier erfahrt Ihr es!

Anlässlich der Deutschen Meisterschaften der Junioren in Leverkusen besuchte Britta Heidemann das Turnier, nicht nur, um die Siegerehrung der Einzelwettbewerbe des ersten Wettkampftages vorzunehmen sondern auch, um die mit Medaillengewinn erfolgreichen Fechterinnen und Fechter der Deutschen Meisterschaften, der Europa- und Weltmeisterschaften 2017 noch mit einer Förderprämie zu unterstützen.

Vor dieser Siegerehrtung traf sie sich aber noch mit der B-Jugendlichen Degenfechterin Katharina Bernstein zum Interview. Diese hatte sich gründlich vorbereitet und in den Trainingsterminen Fragen ihrer Trainingsgruppe gesammelt. Herausgekommen war eine lange Liste mit über 30 Fragen, die der Bayer-Nachwuchs schon immer mal an Britta Heidemann stellen wollte.



Katharina:
Warum hast du vom Modernen Fünfkampf zum Fechten gewechselt?

Britta:
Die Disziplinen des Modernen Fünfkampfes sind ja Fechten, Schwimmen, Reiten, Laufen und Schießen und ich habe zunächst als Kind mit Schwimmen und Leichtathletik angefangen. Irgendwann fand ich aber den Fechtsport am interessantesten, weil du im Fechten vornehmlich gegen deinen eigenen Kopf kämpfst und nicht nur gegen den eigenen Körper, deine Physis. Beim Schwimmen oder Laufen gehst du körperlich an deine Grenzen, teilweise darüber hinaus.
Beim Fechten kannst Du aber auch verlieren, wenn Du körperlich alles gegeben hast. Entscheidend ist da eben die mentale Komponente und das finde ich bis heute absolut faszinierend.

Katharina:
Und woran hast du gemerkt, dass Fechten dein Sport ist?

Britta:
Ich habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, gegen mich selbst zu gewinnen und mich selber zu überwinden. Mich auf der Fechtbahn dem Gegner zu stellen und den letzten Treffer zu setzen. Das damit verbundene Glücksgefühl war für mich nicht damit zu vergleichen, beim Schwimmen oder Laufen eine Zehntelsekunde schneller zu sein als die anderen.

Katharina:
Kannst du dich noch an dein erstes Turnier erinnern und wie war das für dich?

Britta:
Ja, das werde ich nie vergessen. Es war ein Mannschaftsturnier in Köln, als Fechtmarathon ausgetragen. Meine Mutter hatte mir damals zwei Zöpfe gebunden und ich weiß noch, dass die beiden Mädels in meiner Mannschaft damals sauer auf mich waren, weil ich von zirka 30 Gefechten nur ungefähr zwei oder drei gewonnen habe. Irgendwie war das ein traumatischer Tag für mich (lacht). Umso unglaublicher eigentlich, dass es nur ein paar Jahre gedauert hat, bis ich dann im Nationalteam der Junioren fechten durfte. Also, nicht aufgeben und aus der Ruhe bringen lassen, von dem was Andere denken oder sagen. Ich habe immer gespürt, da geht noch was. Man kann ja auch nicht erwarten, dass man innerhalb der kürzesten Zeit Wunder auf der Fechtbahn vollbringen kann. Das ist harte Arbeit. Aber ich hatte immer Lust aufs Fechten und dachte mir, irgendwann muss es ja mal klappen.

Katharina:
Durften deine Eltern an der Bahn stehen und etwas sagen oder hatten sie Redeverbot? Wen hast du gerne an deiner Bahn stehen?

Britta:
Da meine Eltern nicht extrem waren, was das anging, hat sich die Frage nicht gestellt. Als Jugendliche waren meine Eltern sicherlich auch dabei, aber dann bin ich ja relativ früh auf Weltcups gefahren und da waren meine Eltern glaube ich kein einziges Mal dabei. Dorthin bin ich mit meinem Trainer gefahren und ihn habe ich auch gerne an der Bahn stehen.

Katharina:
Gibt es Gegnerinnen, die bei dir Angstschweiß auslösen?

Britta:
Es ist für mich im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden, gegen Gegnerinnen anzutreten, die ich schon lange oder gut kenne. Am schwersten fällt es mir, gegen andere deutsche Fechterinnen anzutreten, weil man sich kennt und eine Geschichte dahinter steckt. Aber das macht andererseits ja auch gerade den Reiz aus beim Fechten: Du kannst nominell viel besser sein als deine Gegnerin, aber der Kopf spielt da mit. Wenn du jemanden besonders magst oder eben nicht, dann kann das schon die Kraftverhältnisse in einem Gefecht verschieben. Daher ist es wichtig, zu lernen, damit umzugehen.

Katharina:
Was denkst du, wenn du fichtst?

Britta:
Im besten Falle, gar nichts. Das nennt sich in der Psychologensprache „Flow“. Wenn alles automatisch läuft, dann denkst du gar nicht mehr. Dann läuft es Schritt für Schritt, du reagierst und guckst, was macht die Gegnerin. Oder besser noch, du agierst, das heißt du überlegst dir, was will ich mit meiner Gegnerin machen. Wenn ich aber doch mal anfange zu denken, dann muss ich schnell an mir arbeiten, damit ich wieder an nichts anderes denke, als die nächste Aktion.

Katharina:
Hast du mal Mentaltraining gemacht? Wenn ja, wie alt warst du da?

Britta:
Ich glaube, mit Dreizehn oder Vierzehn war ist das erste Mal bei Lothar Linz, einem Sportpsychologen hier in Leverkusen. Danach war ich da auch relativ konsequent mehrere Jahre lang immer wieder.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit ihm als ich als Juniorin vor dem letzten Weltcupturnier der Saison stand und es für mich als Zehnte der Deutschen Rangliste um die Aufnahme in den Kader ging. Meine Gedanken drehten sich darum, ob ich in der kommenden Saison im Kader bin oder ob ich vielleicht von der Nummer 11 überholt werde. Und dann fragte er mich, wo ich mich denn auf der Deutschen Rangliste sähe. Ich antwortete ihm, dass ich mich schon irgendwann so unter den ersten fünf vorstellen könnte. Daraufhin machte er mir den Vorschlag, bei dem Turnier zu versuchen, den Platz fünf zu erreichen anstatt sich mit dem Ranglistenplatz 10 oder 11 zu beschäftigen. Für mich war das ein ganz neuer Ansatz, den ich interessant fand. Dieses Weltcupturnier habe ich dann mit Bronze beendet und mich damit von jetzt auf gleich als Juniorin für das Nationalteam der Aktiven für die Weltmeisterschaft qualifiziert.  Ich finde, dafür ist es dann gut, solche Gespräche zu führen. Man nimmt neue Perspektiven ein, bekommt einen anderen Blickwinkel aufgezeigt und das lohnt sich eigentlich immer.

Katharina:
Wir haben im Training eine Übung, bei der wir anhand von vier verschiedenen Tieren unterschiedliche Fechtstile ausprobieren sollen. Die Schildkröte steht dabei zum Beispiel für defensives Fechten, die Schlange bildet einen Stil mit kurzen, präzisen Bewegungen ab und steht für die zweite Absicht. Der Fuchs ist listig und arbeitet mit Finten und schließlich der Falke, der für Bewegung und schnelle Angriffe steht. Mit welchem dieser Tiere würdest du dich am Besten identifizieren?

Britta:
Ich bin der Falke (lacht). Aber im Ernst, bestenfalls bist du als Fechter natürlich immer ein Mix aus mindestens zwei der Tiere. Also nur anzugreifen ist taktisch ebenso begrenzt erfolgreich wie nur zu verteidigen. Und das ist ja auch genau das Spiel des Fechtens, dass du dir über die Zeit ein Repertoire an Möglichkeiten aufbaust. Nicht unbedingt, um dich auf den Gegner einzustellen, sondern vielmehr um die eigene Verfassung im Gefecht umzusetzen. Es muss also nicht immer die gleiche Taktik sein und es ist wichtig, mehrere oder zumindest zwei Tiere und Fechtstile zu beherrschen.

Katharina:
Welche sechs Eigenschaften braucht ein Fechter, um bei den olympischen Spielen erfolgreich antreten zu können?

Britta:
Wieso denn ausgerechnet sechs?

Katharina:
Bei unserem letzten Trainingslager sollten wir zunächst sechs wichtige Eigenschaften erarbeiten und diese dann in einer Pyramide (1-2-3) nach Wichtigkeit anordnen.

Britta:
Na gut, meine sechs Eigenschaften: Disziplin, Geduld, Leichtigkeit, mentale Stärke, Taktikverständnis und als grundlegende Eigenschaft als letztes noch Mut.

Katharina:
Hast du im Vorfeld erwartet, dass du das Triple holst oder war das eher zufällig?

Britta:
Ich bin so ein Mensch, wenn ich mir vor Zehn Jahren vorgenommen hätte, ich muss die Erfolge erreichen, weil ich sonst meines Lebens nicht froh werde, dann hätte ich das bestimmt nicht erreicht. Ich habe vielmehr immer gespürt, da geht noch was. Von einem Turnier zum Nächsten zu gehen, im Moment zu leben und eben nicht Kopfkino. Sicher nimmt man sich vor, auf dem Treppchen zu stehen, aber wenn nicht heute, dann beim nächsten Mal. Wichtig ist es einfach, wenn die Chance da ist, diese auch zu nutzen.

Katharina:
Bist du immer motiviert zum Training gegangen? Oder hast du auch manchmal gedacht, oh, schon wieder Beinarbeit?

Britta:
Ich? Immer! (lacht) Nein, ich glaube, mehrere Antworten sind da richtig. Es ist im Leben ja so, dass du nicht immer und überall hoch motiviert sein kannst, egal ob es um Sport, um Arbeit oder auch um Beziehungen geht. Aber bei mir war es beispielsweise so, dass ich beim Schwimmen oder Laufen immer sehr viel mehr kämpfen musste. Dagegen ist mir das Fechten und auch das Fechttraining immer sehr viel spielerischer vorgekommen, auch wenn ich dabei ebenso an meine Belastungsgrenze gegangen bin. Beispielsweise gerade in der Lektion, in der Zweierbeziehung zwischen Trainer und Fechter beim Techniktraining kann ich mich nicht erinnern, dass in keine Lust gehabt hätte.

Im Training motiviert zu sein ist das eine, aber noch viel wichtiger ist es, bei einem Wettkampf voll motiviert zu sein. Das Entscheidende ist, heiß zu sein auf die Gefechte und Lust aufs Gewinnen zu haben und nicht mit der Angst auf die Bahn zu gehen, hoffentlich schneide ich dieses Wochenende nicht schlecht ab. Um die Motivation hoch zu halten ist es da auch wichtig, clever zu trainieren. Beispielsweise habe ich vor einem Wettkampf auch mal ein paar Tage nicht gefochten oder Lektionen bekommen, um für die Gefechte wieder voll motiviert zu sein.

Das ist eine persönliche Sache, da muss jeder Fechter in sich hinein hören und entscheiden, wann Training notwendig und angebracht ist, wann es wichtig ist, eine Wettkampfvorbereitung zu machen, zu trainieren und wie sich auf einen Wettkampf vorzubereiten.

Katharina:
Hast du schon mal ans Aufhören gedacht?

Britta:
Ich habe schon länger mit Achillesproblemen zu kämpfen und jetzt muss ich schauen, ob ich den Weg zurück auf die Fechtbahn finde.

Katharina:
Wenn du ans Aufhören gedacht hast, was hält dich beim Fechten?

Britta:
Nach meinen großen Erfolgen bin ich schon häufiger gefragt worden, ob ich es schaffe, mich noch weiter zu motivieren. Gerade wenn die Frage von Anderen kommt, beschäftigt das einen sehr. Ich fechte halt sehr gerne und bin gerne in der Fechthalle, bei den Fechtern, den Trainern und Physiotherapeuten.

Katharina:
Du hast erzählt, dass du Probleme mit der Achillessehne hast. Hattest du früher schon Verletzungsprobleme?

Britta:
Ich glaube, durch meine breite Grundausbildung im Sport habe ich mich immer gut gehalten. Ich bin seit 1994 bei Bayer im Verein und habe mit Friesenkampf, also dem Mehrkampf mit viel Schwimmen und Laufen eine gute Basis im Ausgleichssport geschaffen. Ich denke, diese Basis hat mich verletzungsfrei über meine ersten 15 Jahre gebracht. Womit ich aber sicherlich auch eine Ausnahme bin, auch im internationalen Vergleich.

Katharina:
Du bist viel in China. Was fasziniert dich so an dem Land?

Britta:
Das hat sich über die Zeit so entwickelt. Wir sind, als ich Jugendliche war, zum ersten Mal nach China in den Urlaub gereist und haben Land, Leute, Kultur und das Essen kennengelernt und alles war alles ganz neu. Daraufhin bin ich für drei Monate zum Schüleraustausch in Peking gewesen. Später dann habe ich auch Chinesisch studiert und ich empfinde das Land und insbesondere die Menschen als sehr faszinierend und spannend.

Katharina:
Musstest du dich in deiner Schulzeit oder bei Freunden fürs Fechten rechtfertigen?

Britta:
Ich habe durch internationale Wettkämpfe tatsächlich viel in der Schule gefehlt und konnte an Geburtstagen oder ähnlichem nicht so häufig teilnehmen. Mit fünfzehn oder sechszehn Jahren wurde es dann schon auffällig, weil ich für Weltcups in der Welt herumgekommen bin. Aber ich hatte so viel Spaß im Sport und mit Fechtkolleginnen, dass mir die sozialen Kontakte in der Schule nicht ganz so wichtig waren. Meine Freunde hatte ich vornehmlich im Sport.

Katharina:
Du bist ja auch bei Facebook und Twitter. Wie siehst du die sozialen Netzwerke?

Britta:
Da könnte ich manchmal noch aktiver sein, aber Ihr könnt natürlich gerne mal meine Seiten ansehen. Das alles hat natürlich auch zwei Seiten. Kürzlich habe ich noch darüber philosophiert, dass man sich früher für Verabredungen oder Absagen persönlich oder telefonisch melden, sich also den Dingen stellen musste. Das ist jetzt nicht mehr ganz so und das sehe ich schon kritisch. 2011 gab es bei mir eine Zeit, in der andauernd das Handy vibrierte und ich ständig den Drang hatte, zu sehen, was in den sozialen Netzwerken passierte. Mittlerweile habe ich sogar wieder ein Telefon mit Tasten und empfinde es als Erleichterung, nicht ständig erreichbar zu sein.

Katharina:
Hast du denn dein Handy bei Wettkämpfen an der Bahn?

Britta:
Nein, nie. Tatsächlich mache ich mein Handy an Wettkampftagen nicht an bzw. habe es nicht dabei.

Katharina:
Denkst du denn, dass es schlimm ist, vor dem Wettkampf oder Gefecht auf sein Handy zu schauen?

Britta:
Das kommt darauf an. Das Handy ist ja eine Art Überraschungskiste. Du weißt nicht, wer, was, wie geschrieben hat oder ob sich jemand gerade nicht gemeldet hat. Die Gedanken, die sich dann dadurch los treten können, die wollte ich tatsächlich nicht an Wettkampftagen haben. Dass einen etwas ärgert oder beschäftigt lenkt ja nur ab und ist eigentlich das, was bei einem Wettkampf gerade vermieden werden sollte.

Katharina:
Wie oft hast du die Unterschrift für deine Autogrammkarte geübt?

Britta:
Gar nicht. Weißt du, es ist etwas, in das du hinein wächst. Erst ist es ja eine Unterschrift, dann irgendwann mehrere, das passiert einfach, da musste ich nie drüber nachdenken.

Katharina:
Vielen Dank für das Interview.

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